Zappelphilippe nerven beim Meditieren!

Meditieren, eine Kunst! So ganz in sich versunken sein, in sich ruhen, im Semilotussitz oder auf einem Knieschemel, auch Taizé-Hocker genannt. Egal, Hauptsache wie weggebeamt aufrecht sitzend in sich ruhen, ganz bei sich sein und von außen betrachtet einem kleinen Zenmönch zum Verwechseln ähnlich sehen.

Bild: SJ-Bild/Christian Ender

Irgendwie musste sich dieses Idealbild, diese Wunschvorstellung in mein Reisegepäck geschmuggelt haben, als ich zu kontemplativen Exzerzitien im Haus Gries bei meinem Mitbruder Franz Jalics ankam. Ich freute mich so auf die Ruhe und wollte im großen Meditationsraum mit den anderen einfach nur da sitzen.

Das Ganze lief auch recht gut an. Ich kam zur Ruhe und war mit mir und meiner Sitzhaltung zufrieden. Doch dann wendete sich das Blatt, als am Tag 3 ein Zappelphilipp den frei geworden Platz direkt neben mir einnahm. Er konnte keine 3 Minuten ruhig sitzen!

Es war immer dasselbe: Erst ein aufwendig hörbares Luftholen, … dann ein Ruck, der ihn kerzengerade dasitzen und zugleich seine gefalteten Hände in Bauchhöhe schweben ließ, … gefolgt von einer kurzen Ruhephase, … um schließlich … und leider auch das hörbar … in sich zusammenzusacken. Kurze Pause, neuer Anlauf!

Oh Mann!, — dachte ich bei mir — um seine gefalteten Hände so schwebend vor sich halten zu können, dafür muss man Sylvester Stallone heißen, wenn man das länger als 3 Minuten aushalten will! Außerdem ist das völlig falsch, das verkrampft den Rücken. Kein Wunder, dass er dann immer wieder in sich zusammensackt!

Meine Ruhe war dahin! Ich hörte nicht mehr in mich, sondern auf das Atemholen meines Nachbarn. Äußerlich saß ich bewegungslos da, aber innerlich drehte ich am Stock, es war zum Verzweifeln! Ich trug mich in die Gesprächsliste bei meinem Mitbruder Franz ein, um diesen ganzen Ärger einmal los zu werden, denn man schweigt ja in Haus Gries.

Ich beteuerte, wie gerne ich hier sei und wie gut alles angefangen habe, aber jetzt brächte mich mein Nachbar völlig aus der Ruhe und es sei einfach nur zum Verzweifeln! Als ich alles losgeworden war, schaute ich Franz erwartungsvoll an. Er schwieg, dann nickte er kurz mit dem Kopf und sagte: “Alles gut! Der Liebe Gott freut sich über den Zappelphilipp neben dir genauso wie über dich, dass du hier bist. Mach weiter!”

Dong! Ich hätte gerne gesehen, wie überrascht ich geschaut haben mag, denn es fiel mir wie Schuppen von den Augen: Ja, was suche ich eigentlich beim Meditieren? Gott oder mich? Meine Ausgeglichenheit oder Gottes Gegenwart?

Ich ging innerlich leicht taumelnd von Franz weg, aber ungelogen: Den Rest der Tage saß ich ruhig auf meinem Hocker, mein zappelnder Nachbar störte mich nicht mehr. Ich war mit Staunen beschäftigt, auf welchem Holzweg ich da unterwegs war!

Jesuit, Priester, Geistlicher Begleiter, Exerzitienleiter

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