Mystik oder das Mikro-Makro-Kosmos-Ding

Es ist ein einfacher Mann, der mir gegenübersitzt, kein Akademiker, ein Arbeiter, verheiratet, Vater. Ich höre ihm zu, was er mir von Gott erzählt und staune: „Ich schaue jetzt nicht mehr nach oben, wenn ich Gott suche. ‚Ich bin da unten, da bei Euch‘, das hat Gott mich wissen lassen.“

Bild: “Universe in a magic drop”, Hartwig HKD, flickr

Er lächelt und nickt bekräftigend. „Wissen Sie, es ist dieses Mikro-Makro-Kosmos-Ding.“ Ich schaue ihn fragend, mit großen Augen an: „Äh, jetzt verstehe ich Sie nicht ganz.“ —

„Na ja, Gott ist im Kleinsten. Der große Gott, der das Universum gemacht hat, ist genau so im Kleinsten. Ich ahne da was. Das ist, wie wenn Sie einer Ameise das deutsche Autobahnnetz erklären wollen. Das wird sie überfordern, aber sie ahnt vielleicht was.“

Wieder lächelt und nickt der Mann: „Ich ahne da was.“ Und sein Lächeln lässt keinen Zweifel zu, Gott ist ihm klarer geworden. „Mhm, … das meinen Sie mit dem Mikro-Makro-Kosmos-Ding.“ —

„Ja, das.“ Ich sitze da und staune innerlich Bauklötze, denn ich sehe einen kleinen Mystiker vor mir und bin mir nicht sicher, ob er auch schon weiß, dass er auf dem besten Weg zum Mystiker ist.

Bild: “Cristo Redentor”, Robert Brands, flickr

Den großen Gott im Kleinsten finden. Ich denke an Ignatius von Loyola, zweifelsohne ein großer Mystiker, und höre ihn zu mir sagen: „Tja, Herr Spiritual, ihr Gegenüber hat’s begriffen, einfach nur Klappe halten!“

Ignatius kam mir in den Sinn, weil seine Grabinschrift lautet: „Nicht eingegrenzt werden vom Größten und dennoch einbeschlossen bleiben ins Kleinste: das ist göttlich.“ Für mich fortan: das Mikro-Makro-Kosmos-Ding.

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