“Äh, wie meinen Sie das?” — Mein Gegenüber, ein junger Mann, der Priester werden will, erklärt: “Na ja, gäbe es die olympische Disziplin ‘Runterziehen’, wir Deutschen wären Weltmeister!” Der junge Mann kam unlängst von einem längeren Auslandsaufenthalt zurück und erzählt mir, was ihm aufgefallen ist, dort und hier.

Ich denke nach, denn der junge Mann hilft mir, mein Berufsverständnis zu klären. Ich bin Spiritual. Bei einem Geistlichen Begleiter darf man sein Herz ausschütten, auf den Tisch legen, was einen belastet, nervt, ärgert, stört … “Über Frustrationstoleranz verfügen!”, würde ich mit Ausrufezeichen in die Stellenbeschreibung eines Spirituals schreiben.

Bild: Chris Fithall, Olymic Rings, Detail, flickr

Weil die meisten das “Runterziehen” alleine hinbekommen, ist es wichtig, den Punkt im Gespräch nicht zu überhören, wo Mut und Zuversicht darauf warten, in uns entdeckt zu werden. “Mutmacher”, das gehört unbedingt in die Stellenbeschreibung eines Spirituals!

Jemand hört zu und eröffnet einen anderen Blick auf Dinge, weil man schnell und leicht in der eigenen Sichtweise gefangen ist. Jemand hört zu und leistet der Wahrheit einen Liebesdienst, weil er ehrlich und ohne Beschwichtigungen sagt: “Das tut mir leid, ich verstehe, dass Sie gekränkt waren!” Jemand hört zu und sagt: “Das ist ja wunderbar, das freut mich für Sie!”, weil Begleiten nicht nur Problembewältigung ist.

Über Zuhören und ehrliche Reaktionen Energie freisetzen, die sonst negativ verpufft. Es ist mein Selbstanspruch: Den Punkt finden, der hilft, dass mein Gegenüber zuversichtlicher, hoffnungsvoller, mutiger in seinen Alltag zurückgeht. Mutmacher, ein schöner Job und es lohnt, sich darin zu trainieren!

Jesuit, Priester, Geistlicher Begleiter, Exerzitienleiter

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