“Als wir in Bombennächten im Keller saßen, da habe ich Gott schon gebeten, er möge die Flugzeuge der Allierten vom Himmel holen.” Es wurde still im Raum. Alle schauten zur ältesten Teilnehmerin unseres Bibelgespräches, die bislang wenig gesagt hatte.

Die Diskussion vorher war hitzig: Wie kann man Psalmverse, in denen anderen Schlimmes angedroht wird, heute noch, ja überhaupt beten? Gott möge Übeltäter, meine Feinde hart bestrafen, sie vernichten, wie kann das ein Gebet sein?

Bild: SJ-Bild, Christian Ender

Doch es ist genau das, was ich an den Psalmen schätze: das Beten ohne Sprachverbot! Gott so ehrlich wie möglich begegnen. Ihm alles anvertrauen und dann um die oberste Gebetsregel wissen: Gott, Dein Wille geschehe, Du bist der Handlungssouverän, nicht ich!

Tod, Not, Leid, Neid, Wut, Angst, Trauer, Klage, Bitte, Freude, Friede, Gnade, Lob, Dank, Rettung, Schutz, Segen, … alles, was Menschen erleben, findet in den Psalmen einen Ausdruck. Die alte Dame sagt in die Stille hinein: “Ich hab mich das damals gar nicht gefragt, ob ich so beten darf. Immer wenn ich so einen Psalmvers bete, denke ich mir: Da hatte jemand große Angst, ich kenne das!”

Psalmverse, die ich nicht verstehe, lasse ich stehen. Es gibt genügend, in denen ich mich trefflich verstanden fühle. Ich wünsche mir nicht, dass die Unverstandenen einmal zutreffen. Falls doch ist es gut eine Gebetsvorlage zu haben, die mich ermutig, vor Gott so ehrlich wie nur möglich zu sein.

Jesuit, Priester, Geistlicher Begleiter, Exerzitienleiter

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