Barmherzige Vater (Lukas 15, Teil I)

Die Geschichte vom barmherzigen Vater, die der Evangelist Lukas im 15. Kapitel seines Evangeliums (Lk 15,11–32) erzählt, ist für mich eine der schönsten Geschichten der Bibel! Eine Szene darin hat es mir besonders angetan, sie rührt mich an und ich weiß wirklich nicht mehr, wie oft ich schon bei meinem inneren DVD-Player auf Rücklauf gedrückt habe, um sie wieder und nochmals anzuschauen?

Es ist der Lauf des Vaters, der seinem gescheiterten Kind voll Mitleid entgegenläuft. In der Bibel steht nicht, wie alt der Vater ist, aber in meiner Vorstellung läuft ein älterer Mann, nicht ohne Mühe, aber voll Entschlossenheit seinem Kind entgegen.

Man muss sich das einmal vorstellen, ein Patriarch zu biblischen Zeiten, der eher standesbewusst repräsentiert und der huldvoll empfängt, fällt völlig aus seiner Rolle und läuft gerührt seinem Kind entgegen! „Er sah ihn schon weitem kommen“, das heißt, er muss den Horizont abgesucht haben. Täglich?

Bild: “Horizont”, Frinthy, flickr

Jedenfalls als er sein Kind in der Ferne entdeckt, zögert er keinen Augenblick, denkt nicht über Rollenverhalten und Standesbewusstsein nach, sondern läuft los, ungelenk, aber nicht mehr aufzuhalten. „Er sah ihn schon weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.“

Das ist an emotionaler Dichte schwer zu überbieten! In meiner Vorstellung fließen auf beiden Seiten noch Tränen. Lukas würde vielleicht sagen: „Klar, was sonst! Male ruhig weiter aus, aber lass bitte nichts weg. Mir war jedes Detail wichtig, das Entgegenkommen, das Mitleid, bitte keine höflich, unbeholfen wirkende Umarmung, sondern ein stürmisches Um-den-Hals-fallen und ein Kuss, ein richtiger, tränenüberströmt, schnelle Wangenküsschen genügen nicht!“

Ich schaue und staune, wie ein Mensch so großzügig sein kann? Wie schafft er das bloß, nichts, aber auch gar nichts nachzutragen? Ich schaue die Szene wieder und wieder an und hoffe, dass etwas auf mich überspringt!

Der barmherzige Vater. Es gibt da noch eine DVD in mir, ein Alternativbild: „Der Vater sah ihn schon von weitem kommen und er dachte bei sich: Da kommt er ja! Der weiß, wo er mich findet. Ich bin gespannt, was er mir zu sagen hat. Der soll sich ruhig andienen.“

Menschlich ist dieses Alternativbild nachvollziehbar und ein Rabenvater ist das auch noch nicht wirklich. Aber lernen will ich vom anderen, vom Original, vom Vater, den Jesus mir vor Augen stellt, der nichts nachträgt und stattdessen ein Fest ausrichtet.

Bild: “Raki-party”, Rob de Fries, flickr

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